Am Winter hängt, zum Winter drängt doch alles!
Nunja, zu Gretchens Zeit gab es noch "richtige" Winter, für uns heutzutage wären die Winter aus Goethes Zeit kaum aushaltbar. Mich persönlich wundert es jedes Jahr, wie sehr die Allgemeinheit nach einem "richtigen" Winter lechzt, wahrscheinlich liegt es daran, in unruhigen und sich ständig ändernden Zeiten noch auf etwas hoffen zu können, das Kontinuität verspricht. Und dazu gehört für viele anscheinend ein Winter mit Schnee, Eis und Kälte.
Kurzer Rückblick zunächst mal auf den vergangenen Herbst. Ich kopiere hier mal die Zusammenfassung des DWD, die den Herbst 2025 genau richtig beschreibt :
Der Herbst 2025 zeigte sich in Deutschland insgesamt mild. Die Mitteltemperatur erreichte 9,7 °C und lag damit 0,9 Grad über dem Referenzwert 1961-1990 (8,8 °C) sowie 0,4 Grad über dem Mittel der Periode 1991–2020 (9,3 °C).
Besonders deutlich traten die positiven Temperaturabweichung in
Norddeutschland hervor. Die landesweiten saisonalen Temperaturspitzen
reichten von spätsommerlichen 32,6 °C, gemessen am 20.9. in Pabstorf (Harzvorland), bis zu eisigen -18,5 °C
am 23.11. in Oberstdorf. Grund dafür war ein für die Jahreszeit
ungewöhnlich markanter Kaltluftvorstoß, der die Mitteltemperatur zu
Beginn der dritten Novemberdekade in weiten Teilen Deutschlands
kurzzeitig auf ein Niveau drückte, das eher für den Januar üblich wäre.
Quelle : https://www.dwd.de/DE/presse/pressemitteilungen/DE/2025/20251128_pm_herbst_news.html
Diesesmal lag ich für beide Referenzperioden daneben, zu hoch. Prognostiziert hatte ich 1,5k bis 2,5k Abweichung zu 1961-1990 und 1k bis 2k zu 1991-2020.
Bei den Großwetterlagen ein deutlich besseres Bild, vermutet hatte ich BM,
HM, NWa, SWz,
SWa, TrM,HNz, HNFz, HB, HFz,Nz, TrW, TB, Wz, Wa und
WW und evtl. TM, NWz und SEz.
Bis auf Nz und SEz traten alle Großwetterlagen wie vermutet auf.
Nun zum kommenden Winter. Da gibt es für mich heuer nur ein mögliches Szenario : Mild bis sehr mild, allerdings mit einigen "Dümpelphasen" oder auch bei den Meteorologen "Frontenfriedhof" genannt.
NACHTRAG: Da mich diesbezüglich Kommentare erreicht haben, NATÜRLICH sind, wie schon immer bei vergangenen Prognosen erwähnt, mehrere winterliche Abschnitte zu erwarten, (fast) jeder Winter wartet mit solchen auf. Diese können von einigen Tagen bis zu 1-2 Wochen anhalten, an der Gesamtheit der obigen Aussage - Winter schlußendlich mild bis sehr mild - ändert das jedoch nichts.
ATLANTISCHE SITUATION
Seit dem Herbstbeginn präsentierte
sich der NAO-Index recht häufig negativ. Aktuell scheint der NAO-Index nach
einer weiteren negativen Phase in den neutral-leicht positiven Bereich anzusteigen, gemischte oder meridionale Großwetterlagen wären die Folge :
(C)NOAA
Werfen wir nun desweiteren einen Blick auf die Abweichungen der Wassertemps, diese geben
erste Hinweise bezügl. der Druckentwicklungen und möglicher Großwetterlagen :
(C)NOAA
Quasi der gesamte Atlantik weist deutliche positive Temperatur-Anomalien auf, einzig im Bereich des Golfstroms vor der Neufundländischen Küste zeigen sich negative Abweichungen. Im mittleren Pazifik formiert sich "La Nina", vor der amerikanischen Pazifikküste gibt es wieder starke negative Abweichungen, wenn auch nicht so großflächig wie vergangenes Jahr.
Ob es nun dennoch darauf hinausläuft daß es im weiteren Verlauf des
Winters zu einer Interaktion des Aleuten-Tiefs mit dem
Island-Tief kommt, muss man abwarten, verstärkend könnte sich diesesmal die Druckentwicklung über Kanada erweisen.
In vergangenen Prognosen habe ich ja
schon
öfters auf La Nina aufmerksam
gemacht. In La-Niña-Wintern ist die
Intensität des Alëuten-Tiefs stark
reduziert. Über Nordamerika ist es verhältnismäßig kalt, weil der
Zustrom warmer Meeresluft von Westen fehlt, wodurch im Osten des
Kontinents der thermale Kontrast zum Atlantik erhöht und die Zyklogenese
angetrieben wird. Die Folge ist eine Intensivierung des Island-Tiefs,
das die nordatlantischen Stürme verstärkt, deren Bahnen sich weiter nach
Norden verschieben.
Die vergangenen Druckabweichungen präsentieren sich dort folgendermaßen :
(C)NOAA
Über den Aleuten hat sich, wie vergangenes Jahr, Hochdruck
etabliert, wieder eine
entscheidende Schwächung des Aleuten-Tiefs, aber der Hochdruck sitzt heuer zusätzlich über weiten Teilen Kanadas, das ist der Schwächung des Polar Vortex zuzuschreiben. Über
Grönland&Island ist der Druck leicht erhöht, über
Skandinavien dagegen starker Tiefdruck. Über der zentralen Arktis herrscht ebenso starker Tiefdruck.
Im Bereich
der Azoren sieht es neutral aus.
Wie man
auf den zwei Druckkarten des Polarwirbels in 10hpa sieht sitzt dieser über großen Teilen Kanadas und soll sich längerfristig deutlich zu den Aleuten hin orientieren.
NÖRDLICHE HEMISPHÄRE / POLARWIRBEL
Dem Polarwirbel setzte eine deutliche Erwärmung in den vergangenen Wochen stark zu, ob es tatsächlich zu einer großen stratosphärischen Erwärmung gereicht hat muss abgewartet werden, es wäre nach November 1968 erst das zweite mal, daß so eine große Erwärmung im November stattfand. Mir erscheint es eher so, daß es zu einem sog. "Canadian Warming" gekommen ist, also einer stratosphärischen Erwärmung direkt über Kanada. Diese sorgt auch für eine kurzzeitige Umkehr des zonalen Winds, soll aber wenig Ausiwrkungen auf das Wettergeschehen über Europa haben, was ich allerdings anzweifle, denn es hat sich ja Hochdruck über Kanada und den Aleuten gebildet und dies wiederum könnte Tiefdruckentwicklung in Richtung Atlantik befeuern. Das Canadian Warming zeigt sich auch in den Ozonkonzentrationen dort, die doch deutlich höher sind als üblich.
(C)NOAA
Der genauere Blick auf den Polarwirbel zeigt einen deutlich in die Länge gezogenen Wirbel:
(C)STRATOBSERVE
Längerfristig soll sich der Polarwirbel wieder besser strukturiert zeigen, sich zurück nach Norden orientieren, dabei aber weiter etwas in die Länge gezogen bleiben, eher von Nord nach Süd, was sich in südwestlich&westlichen
Wetterlagen äußern könnte.
C)STRATOBSERVE
Das heißt aber nicht, daß der Polarwirbel auf längere Sicht gesehen
"unangreifbar" für Wärmeflüsse aus der Stratos/Troposphäre bleibt, dies
könnte sich eventuell im Hoch/Spätwinter in einem SSW äußern. Geschwächt ist der Polarwirbel auf jeden Fall, wie die Grafik von ECMWF weiter unten zeigt.
Es sei nochmals wie oft in den vergangenen Winterprognosen erwähnt, zwar kühlt sich die Athmosphäre des Polarwirbel
einerseits durch den verstärkten Eintrag von Aerosolen ab, andererseits
sorgt die Zunahme des Klimaschädlichen CO2 dafür, daß der Polarwirbel in
seiner Gesamtstruktur schwächer bzw. anfälliger wird für starke
Warmluftadvektion und dadurch Umkehrung der Windverhältnisse.
Kommen wir zur QBO, der "Quasi binären zweijährigen Schwingung", dies ist vereinfacht
gesagt eine periodisch athmosphärische Welle des zonalen Winds in der
äquatorialen Stratosphäre der Erde.
In der Westphase wird die zonale Zirkulation gestärkt, in der Ostphase geschwächt.
Aktuell befindet sich diese Schwingung im Ostmodus :
(C)NASA
Das ist nach längerer Zeit eine Überraschung, die vergangenen Jahre befand sich die Schwingung oft im Westmodus. Nun könnte sich aufgrunddessen Hochdruck über Sibirien bilden, aber dies könnte dann zum oben erwähnten "Frontenfriedhof" führen, denn sämtliche Frontensysteme vom Atlantik ausgehend hätten es zunächst schwer, sich gegen ein blockierendes Hoch durchzusetzen und verlieren ihre
Wetterwirksamkeit auf dem Weg nach Mitteleuropa, bis sie- salopp
gesprochen- "sterben".
Bei den Temps und dem zonalen Wind schaut es aktuell so aus :
(ECMWF)
(C)STRATOBSERVE
Der zonale Wind zeigt recht hohe Temps, soll zwar kälter werden aber immer noch unter dem langjährigen Durchschnitt bleiben, auch der Wind scheint sich zu erholen, bleibt aber auch eher unterdurchschnittlich.
Eine weitere Störung des Polarwirbel durch ein SSW erscheint
aufgrund der Prognosen recht wahrscheinlich, allerdings zu
einem späteren Zeitpunkt. Am ehesten ist der
Zeitraum mitte Februar bis Anfang März prädestiniert für ein SSW, denn
das ist der Zeitpunkt in dem sich der Polarwirbel Jahreszeitlich bedingt
sowieso stark erwärmt und somit immer anfälliger für starke
Wärmeadvektion wird.
Dann kommt es aber darauf an ob es eine
Kupplung zwischen Stratos-und Troposphäre gibt, der Polarwirbel
gesplittet wird oder nicht, ob es "nur" ein Displacement gibt und v.a.
wo das ganze stattfindet. Um es mit einem der Stratosphärenspezialisten,
Dr. Simon Lee vom MET OFFICE in England, zu sagen :
"Auch wenn
es zu einer großen Stratosphärenerwärmung kommt heißt das noch lange
nicht daß man 2 Wochen später in großer Kälte am Schnee schippen ist.
Dazu ist dieser Vorgang zu kompex und jede Erwärmung auf ihre Weise
einzigartig und kaum zu prognostizieren in ihrem weiteren Verlauf".
Kleine Erwärmungen, sogenannte "Minor Warmings", werden dagegen ganz
sicher auftreten, sie kommen jeden Winter vor. Sie sind aber nicht in
der Lage, die Windverhältnisse zu ändern.
POLARFRONTJETSTREAM & EURASIEN
Der Polarfrontjetstream zeigt sich wie folgt
größtenteils zwar gut strukturiert, nicht jedoch im europäischen Bereich, daher dürfte es zunächst zur ersten sog. "Dümpellage" kommen, wahrscheinlich eine Trogentwicklung.
Die Verteilung der Kaltluft wird wie folgt prognostiziert:
(C)WETTERZENTRALE
Es
zeigt
sich eine Konzentrierung der Kaltluft sehr weit zurückgezogen
in den Osten
Russlands, allerdings viel Kaltluft über Kanada, auch über der
Westküste (Neufundland), und es zeigt sich, daß es, gemessen an der Jahreszeit,
relativ wenig Kaltluft über Zentral-Russland gibt, was sich auch in der
weit zurückgezogenen Schneedecke ( siehe weiter unten ) zeigt.
Desweiteren
wird so bis auf weiteres kein Hoch über Zentral-Russland entstehen, wohl aber über Sibirien, wo die Schneedecke ausreichend ist.
Kommen wir zur Eurasischen Schneebedeckung und der Vergleich zu 2024:
(C)NOAA
Aktuell zeigt sich die Schneebedeckung wieder deutlich
radialsymetrisch ( also entlang der Längengrade ) und somit eher zonalen/gemischten
Wetterlagen zuträglich. Die Radialsymetrie fällt allerdings schwächer aus als 2024!
Die Schneebedeckung im Ural ist aktuell im Süden fast gar nicht vorhanden. Dies
würde ein Hochdruck-Blocking Ural-Karasee-Barentssee sehr schwer machen,
welches ebenfalls durch Dissipation von Schwerewellen in die
Troposphäre den Polarwirbel schwächen könnte. Allerdings ist der Polarwirbel, wie erwähnt, sowieso schon geschwächt, nun braucht es vielleicht gar kein Ural-Blocking um ihn weiter aus den Takt zu bringen?
Lange Rede kurzer Sinn : Die athmosphärischen Voraussetzungen favorisieren sowohl milde bis sehr milde Lagen als auch sich gegenseitig neutralisierende Lagen, Stichwörter "Dümpellage" oder auch "Frontenfriedhof".
Bei den Wetterlagen dürften folgende Lagen
auftreten: Meridionale
Wetterlagen wie bspw. u.a. TrM, TrW, TM,HB, TB, desweiteren HNa, HNz,
HNFa, HNFz, Na, NEz oder SEa. Bei zonalen und gemischten Wetterlagen die
"üblichen Verdächtigen" wie NWz / NWa, BM, HM, SWz, SWa, Wz,Wa,WS.
Die Abweichung zu 1961-1990 ( Klimareferenzperiode für Jahreszeiten )
dürfte +1,5° bis +2,5° betragen, zu 1991-2020 +1° bis +2°.
http://www.wetterzentrale.de
http://squall.sfsu.edu/crws/archive/jet_nh_arch.html
http://es-ee.tor.ec.gc.ca/e/ozone/Curr_map.htm
https://www.stratobserve.com/ens_ts_diags
https://acd-ext.gsfc.nasa.gov/Data_services/met/qbo/qbo.html
http://www.climate4you.com/SnowCover.htm
https://www.ecmwf.int/en/forecasts/charts/catalogue/extended-zonal-mean-zonal-wind?facets=undefined&time=2022112800,0,2022112800&area=nh
Text : (C)Kurt Hansen, Arrondissement Perpignan, Region Occitanie, Departement Pyrénées-Orientales, France.